Interview mit Maria Knilli

Maria KnilliFrau Knilli, inzwischen sind Sie seit sechs Jahren mit Ihrer Kamera in einer Klasse der Waldorfschule in Landsberg. Werden Sie überhaupt noch wahr genommen? Oder sogar vermisst, wenn Sie nicht da sind?
Ich gehöre, denke ich, inzwischen zur Klasse dazu, so wie die Kinder und alle Lehrer, ich habe da einen Platz. Mein Mann, Volker Tittel, der ja auch ab und an dreht, übrigens genauso. Dennoch verspüre ich jedes Mal, wenn ich, sagen wir, sechs Wochen nicht da war, Unsicherheit: Wie wird es diesmal sein? Aber bisher war es immer ganz selbstverständlich, dass wir wieder da waren: meine Kamera, meine Mikros und ich. Klar, manche Kinder sprechen mich an, wo ich denn so lange war, andere lächeln mir zu. Die Kinder und ich, wir haben eine Beziehung, die ohne viele Worte auskommt.

Der zweite Teil Ihrer Langzeitdokumentation beginnt mit einer Strafe, die die Lehrerin ausspricht. Sollte das eine Zäsur darstellen, die andeutet, dass die Kinder sich verändert haben?
Dass es Konflikte zwischen Lehrern und Schülern gab, konnte ich schon sehr früh beobachten. Damit fange ich den zweiten Film an und mache dem Zuschauer klar, dass es spannend weitergeht. Denn wir haben es mit jungen Leuten zu tun, die heranwachsen.

Der Umgang mit Konflikten wird zweimal angesprochen, aber nicht weiter vertieft. Hat das einen Grund? Gibt es möglicherweise keine Ausgrenzungen, Konkurrenz oder Rivalität unter den Schülern?
Doch, das gibt es alles an dieser Schule, aber es wird einfallsreich und einfühlsam damit umgegangen, weil alle wissen, wir bleiben viele Jahre zusammen. Dramaturgisch stehe ich vor der überaus kniffligen Aufgabe, drei Schuljahre in 90 Minuten zu erzählen. Für einen einzelnen Konflikt und dessen Kontext, den man ja mit erzählen müsste, um der Sache gerecht zu werden, ist keine Filmzeit. Abgesehen davon, bekomme ich solche Situationen auch nicht in Gänze mit. Und ich bin auch immer vorsichtig, durch meine Gegenwart mit der Kamera möglichst nicht Einfluss zu nehmen. Ich suche eher nach exemplarischen Situationen, die die ganze Gruppe betreffen, wie zum Beispiel die aufmüpfige Stimmung in einer Werkstunde.

Kommen die Kinder nach wie vor mit der Lehrerin klar? Und wenn nicht, wie wird damit umgegangen?
Als Klassengemeinschaft von fast 40 Kindern kommen die Schüler nach meinem Erleben wunderbar mit ihr klar. Frau Umbach ist aber auch immer in sehr engem Kontakt mit ihren Schülern, interessiert sich für jeden Einzelnen, sucht das Gespräch mit den Kindern. Ich kann mir gut vorstellen, dass trotzdem einzelne Schüler die Lehrerin zeitweise auch mal dick haben. Aber dafür gibt es zum Beispiel die Eltern-Kind-Lehrer-Gespräche. Meine Erfahrung ist, dass die Klasse eine Werkstatt ist, so eine Art Denkwerkstatt. Und weil die Lehrerin sich ja den Stoff in allen Hauptfächern, die sie von der ersten bis zu achten Klasse unterrichtet, selbst immer wieder auffrischen und aufrufen muss, ist sie selber eine Lernende. Der Tenor in der Klasse ist: Wir erarbeiten uns gemeinsam ein Thema und wachsen so miteinander. Und wenn es Konflikte gibt, dann können die durchgestanden und gelöst werden, weil man eine gemeinsame Geschichte hat.

Im zweiten Teil treten nun auch die Eltern der Kinder vor die Kamera. Warum erst jetzt?
Die Eltern – immerhin ein Gruppe von 80 Personen – haben mir vor Drehbeginn ja einen enormen Vertrauensvorschuss gegeben, als ihre Kinder eingeschult wurden und sie wussten, diese Klasse würde über Jahre hinweg gedreht werden. Das war sicher nicht einfach für die Familien, auch wenn ich allen so gründlich wie möglich meine Arbeitsweise vorgestellt habe, und es seit Beginn des Projekts eine Arbeitsgruppe aus Eltern und Lehrern gibt, die das Projekt schulintern begleitet. Jetzt, beim zweiten Film, war mir wichtig, dass die Eltern zu Wort kommen, damit der Zuschauer erfährt, was das eigentlich für Menschen sind, die ihre Kinder auf diese Schule schicken und worüber sie so nachdenken in puncto Schule. Man darf ja nicht vergessen, Eltern sind ein so wichtiger Partner für das Gelingen von Schule. Also habe ich auf einem Elternabend gefragt, wer bereit wäre, vor laufender Kamera ein Gespräch mit mir zu führen. Innerhalb von wenigen Tagen hatte ich zwölf Zusagen, das hatte ich so nicht erwartet.

Warum bleiben die Eltern namenlos?
Die Eltern bleiben nicht namenlos. Im Abspann werden alle Interviewpartner mit Namen genannt, aber ganz bewusst nicht im laufenden Film. Ich habe die Aussagen der Väter und Mütter so ausgewählt, dass sie für mehrere Elternhäuser stehen können, sozusagen stellvertretend. Und so hoffe ich, dass ich einen Querschnitt der Klasse erzähle, deshalb spielen die einzelnen Namen keine so große Rolle. Außerdem möchte ich die Privatsphäre der Kinder so weit wie möglich schützen.

Was spielt die Musik, die extra komponiert wurde, für eine Rolle?
Mit Roman Bunka, dem Komponisten, arbeite ich schon lange Jahre zusammen. Bei unseren Vorbesprechungen haben wir uns dafür entschieden, dass die Stimmung der Musik wieder dem Alter der Kinder entsprechen soll, und dass wir uns vorstellen, die Kinder sollten die Musik auch selber spielen können. Im Herbst werden wir „Eine Brücke in die Welt“ zusammen mit den Schülern im Klassenzimmer ansehen. Bei dieser Gelegenheit werde ich ihnen Roman Bunka und die Cutterin Nina Ergang, die mit mir seit sechs Jahren das Material mit großer Sorgfalt durcharbeitet und montiert, vorstellen. Ich bin gespannt, was für Fragen kommen! Dramaturgisch sind die Szenen, in denen die Musik „übernimmt“, Momente der Ruhe, der Reflexion und Assoziation. Für mich macht die Musik von Roman Bunka die Erzählung größer, hebt sie ein kleines bisschen aus dem Alltäglichen.

Was macht die Arbeit an diesem Dokumentarfilm für Sie so besonders?
Es ist das Geschenk, das die Kinder mir machen, indem sie mich ihnen beim Lernen über die Schulter schauen lassen. Dieses Geschenk machen mir in gleichem Maße auch die Klassenlehrerin und deren Kollegen, denen ich beim Lehren über die Schultern schauen darf.

Haben Sie in der langen Zeit, die Sie jetzt schon mit den Kindern verbringen, etwas von ihnen gelernt?
Ja, über die Möglichkeiten nachzudenken, die in diesen verschiedenen Menschen stecken, das Potential. Kann man, wenn man einen Erstklässler sieht, ahnen, was in ihm steckt? Und wenn ich, wie es bei diesem Schultyp möglich ist, über Jahre einen Menschen heranwachsen sehe, kann ich über das Menschsein enorm viel lernen. Die Unvorhersehbarkeit der Entwicklung, das empfinde ich als ein Abenteuer.

Was sind nach Ihren Erfahrungen die größten Unterschiede zwischen dem staatlichen Schulsystem und dem der Waldorfschulen?
Es ist die lange Zeit, die diese Menschen miteinander haben, und der Kontakt, die Beziehungen, die dadurch möglich werden. Zwischen Schülern und Lehrern, Schülern und Schülern, Lehrern und Eltern gleichermaßen. Das ist ein großer Unterschied zu anderen Schulen und vielleicht eines der Geheimnisse dieser Pädagogik.

(Interview: Anna Martin, BR Pressestelle)