Werkstatt-Rückblicke

Maria Knilli, Produktion / Buch / Regie / Kamera / Ton

Was braucht der Mensch zum Lernen? Das ist eine Frage, die mich schon lange beschäftigte, die inzwischen auch in der Gesellschaft so drängend war, dass ich mich entschied, zwölf Jahre meines Lebens einem Langzeit-Dokumentarfilmprojekt zu widmen, dem ersten Dokumentarfilmprojekt seit dem Studium übrigens, denn ich hatte bis dahin Spielfilme gedreht und am Theater inszeniert. Unsere Tochter war schulreif und die Frage nach dem Gelingen von Lernen stand konkret vor mir. Ich interessierte mich für verschiedene pädagogische Ansätze. Der Einfall in einer Waldorf-Schulklasse zu drehen lag nahe, dort würde ich eine Kindergemeinschaft und ihre Klassenlehrerin kontinuierlich über einen Zeitraum von acht Jahre begleiten können!
Was ich zu diesem Zeitpunkt nur ahnte, war, welche Herausforderung so ein Projekt für die beteiligten Lehrer, Eltern und Schüler war. Zwei Jahre dauerte der Entscheidungsprozess, bis wir mit dem Drehen beginnen durften. Und spätestens an meinem ersten Arbeitstag im Klassenzimmer der ersten Klasse war für mich mit allen Sinnen erlebbar welche Mitverantwortung ich fortan trug für das Gedeihen dieser Lerngemeinschaft aus Kindern und Lehrern. Echtes Interesse, die Kontinuität unserer Präsenz in der Klasse, die Transparenz unserer Arbeitsweise beim Drehen und im Schnitt, der achtsame Dialog mit allen Beteiligten waren die Basis für das Gelingen dieses Langzeitprojektes. Drei abendfüllende Dokumentarfilme über acht Schuljahre sind entstanden: „Guten Morgen, liebe Kinder“, „Eine Brücke in die Welt“, „Auf meinem Weg“.
Es ist eine beglückende Erfahrung gewesen, vierzig Mädchen und Jungs beim Lernen und Heranwachsen erleben zu dürfen. Und ich machte gleich zu Beginn eine entscheidende Entdeckung: Der kleine Mensch, der da Morgen für Morgen ins Klassenzimmer stapfte, war Wissbegierde pur. Die Kunst des Unterrichtens bestand also offenbar darin, diesen Drang zu nähren und nicht zu verderben! Ich beobachtete, dass die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler dabei die zentrale Rolle spielte! Und die langen Jahre, die Schüler, Lehrer und Eltern miteinander zubrachten, gaben ihnen Zeit genug, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aufzubauen, zu prüfen und weiterzuentwickeln. Sehen und hören Sie selbst, was diese Klasse zum Lernen brauchte!

Maria Knilli, Absolventin der HFF München. Seit 1980 freischaffende Autorin und Regisseurin. Kinofilme, TV Krimis, Theaterinszenierungen, Theaterverfilmungen, Dokumentarfilme, Lehrtätigkeit an der HFF München und der Filmakademie Baden-Württemberg. Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und der Deutschen Filmakademie. Auszeichnungen (Auswahl): Bundesfilmpreis für Regie, Filmpreis München, Österreichischer Förderpreis für Filmkunst.


Nina Ergang, Montage

Meine Arbeit als Film-Editorin war es, aus vielen, vielen Stunden Material drei abendfüllende Filme zu montieren. Alle paar Monate trafen Regisseurin Maria Knilli und ich uns, um immer wieder neues Material zu sichten und vorzusortieren, daraus die inhaltsreichsten Schulstunden auszusuchen, und am Ende aus diesen vielen Momenten des Schullebens, verknüpft mit den Interviews der Schüler und der Lehrerin Frau Umbach, ein Mosaik zu schneiden, das aussagekräftig und spannend ist. Maria Knilli arbeitet mit der Kamera rein beobachtend. An manchen Drehtagen passierte nichts Spannendes, an manchen hätte ich einen halbstündigen Film daraus schneiden können. Wie zum Beispiel aus dem Theaterprojekt der 8. Klasse. Aber der normale Schulalltag sollte ja auch Platz finden! Für diese Art von Dokumentarfilm wird die Dramaturgie im Schneideraum erarbeitet. Die Bilder des Schulunterrichts und der lernenden Kinder sollen möglichst für sich sprechen, ohne von einem journalistischen Off-Text erklärt zu werden. Der Zuschauer soll Raum zum Beobachten haben, um über das Lernen an sich nachzudenken und um zu erspüren, wie der Schulalltag der Kinder über all diese Jahre ausgesehen hat, und um sich vielleicht auch an die eigene Schulzeit zu erinnern. Eine Herausforderung, die mir unglaubliche Freude macht, bei diesem Langzeitprojekt besonders!

Nina Ergang montiert seit über dreißig Jahren Filme. Vom Spielfilm und TV-Film kommend hat sie sich in den letzten Jahren auf die Montage von Dokumentarfilmen konzentriert, sowohl fürs Fernsehen als auch für die große Leinwand. So, unter vielen anderen, z.B. den mehrfach ausgezeichneten Film „Nirgendland“, Regie: Helen Simon, und den Festivalerfolg „Die Hochstapler“, Regie: Alexander Adolph, bei dem sie auch Co-Regie führte. Außerdem arbeitet Nina Ergang als dramaturgische Beraterin und betreut regelmässig als Dozentin Studenten der HFF München.


Roman Bunka, Musik

Ich habe schon öfters für Maria Knilli Film-Musiken komponiert und eingespielt, aber diesmal war es doch eine besondere Herausforderung. Ich versuchte ein Konzept zu finden um mit den Kindern zu „wachsen“ und Musik zu schreiben, die sie selbst auch spielen könnten. So klingt es manchmal recht minimalistisch, und doch kann diese Musik emotional mit den Bildern wirken. Aus der anfänglichen Instrumentierung mit klassischer Gitarre und einfachen Rahmentrommeln wuchs der Soundtrack und als „unsere“ Kinder größer wurden kamen elektrische Gitarren, Schlagzeug und elektronisch erzeugte Klänge dazu. Am liebsten würde ich die „Kids“ weiter begleiten, Studium, Beruf, Reisen … zusammen mit dem tollen Team von Maria Knilli … Zugabe!

Roman Bunka ist Gitarrist, Komponist, Oud-Spieler und ein Pionier der “Weltmusik”-Szene. In den siebziger Jahren spielte er mit Embryo, Charlie Mariano und Trilok Gurtu. In den Achtzigern entdeckte er den Orient und arbeitete mit Mohamed Mounir, Abdo Dagir, den Dissidenten und Fathy Salama. In den Neunzigern begann er für Regisseure wie Fritz Baumann, Maria Knilli, Heiner Stadler und Doris Dörrie Filmmusik zu komponieren. Heute verbindet er diese Erfahrungen um als “Grenzgänger” neue Projekte zu präsentieren und den Dialog der Musikkulturen voranzutreiben. Für seine Arbeit wurde er mit dem „Schwabinger Kunstpreis 2014“ und dem „Africa-Festival-Award 2015“ geehrt.


Volker Tittel, Produktion / Kamera / Ton

Rückblickend war eine elementare Grundlage für das Gelingen unserer Langzeitbeobachtung die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Schülern, der mutigen Klassenlehrerin, dem hilfsbereiten Lehrerkollegium, dem Schulverein, sowie der medienkritischen Elternschaft mit uns als Filmemachern. Immerhin ging es um ein Miteinander von über acht Jahren mit ständigen Veränderungen im Leben aller Beteiligten! Wir durften die Metamorphose so vieler Mädchen und Jungen hautnah miterleben und drehen und sind für diese einmalige Chance sehr dankbar. Eine unvergessliche Erfahrung, die auch unser Leben maßgeblich mitgeprägt hat.

Mit sechzehn Jahren entschied sich Volker Tittel dafür, den Beruf des Kameramanns anzustreben; mit vierundzwanzig Jahren erste Arbeit als Director of Photography für einen Film mit George Tabori. Mittlerweile hat Volker Tittel mehr als hundert abendfüllende Spiel- und Dokumentarfilme für Kino und TV gedreht. Auszeichnungen: Cinec Award 2012, Bayerischer Fernsehpreis 2011, Cinec Award 2010, Innovationspreis des Deutschen Films 2010, Deutscher Kamerapreis 1996, Best Cinematography Valencia Festival of Mediterranean Cinema 1995, Deutscher Kamerapreis 1992, Deutscher Kamerapreis 1986.


Thomas SessnerThomas Sessner, Redaktion / BR

„Guten Morgen, liebe Kinder“, „Eine Brücke in die Welt“ und jetzt „Auf meinem Weg“, eine filmische Trilogie über ein so lange Zeit kann wohl nur mit einem öffentlich-rechtlichen Sender entstehen, aber eben auch nur, wenn Schüler, Eltern und Lehrer auf diese Reise mitkommen und uns das Vertrauen für diese Arbeit schenken. Und natürlich gelingt so ein großes Projekt  nur mit einer engagierten Regisseurin wie Maria Knilli, die bereit ist und war, eine lange Lebensstrecke mit einem so anspruchsvollen Werk zu verknüpfen.

Thomas Sessner: Geboren 1964 in Würzburg, Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Seit 1995 beim Bayerischen Rundfunk. Ab 1999 verantwortlicher Redakteur für das Filmmagazin „kinokino“ und Produzent von Großveranstaltungen wie „Bayerischer Filmpreis“. Redakteur zahlreicher Dokumentarfilmproduktionen und Spielfilme des Bayerischen Rundfunks für Fernsehen und Kino. Seit 2016 Leiter der Abteilung Digitale Entwicklung / Mediathek in der Fernsehdirektion, die u.a. für internationale Trans- und Crossmediaproduktionen im dokumentarischen und fiktionalen Bereich zuständig ist.